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Mit dem Tablet zu iNacken und iRücken

12.03.2012

Auf Messen wie dem Mobile World Congress in Barcelona oder der Cebit in Hannover sind sie die Stars. In Elektrofachgeschäften steigern sie den Umsatz. Moderne Tablet PCs sind Teil der multimedialen Zukunft. Leider hat die Ergonomie bei der Entwicklung neuer Geräte einen nur untergeordneten Stellenwert.

Die Ergonomie ist die Wissenschaft von der menschlichen Arbeit, die darauf abzielt, die Arbeitsbedingungen den Menschen anzupassen. Eines ihrer Hauptanliegen der individuelle Gesundheitsschutz.

Tablets sind leichter und flacher als beispielsweise Notebooks oder Netbooks. Damit erfüllen sie wenigstens zwei ergonomischer Forderungen: Die Forderung nach Gewichtsreduktion verwendeter Arbeitsmaterialien und die Forderung nach einem vereinfachten Handling durch geringere Abmessungen. Damit enden aber schon die Vorteile aus Sicht des Ergonomen. Weitaus länger ist die Liste der Bedenken.

Kopf und Nackenhaltung
Aus ergonomischer Sicht unterscheiden sich Tablets und konventionelle Computer vor allem darin, dass bei den Tablets der Monitor und die Eingabemedien in einem Touch-Screen vereint wurden. Anders als etwa bei einem Notebook kann daher der Winkel zwischen Monitorebene und Tastatur nicht mehr verstellt werden, geschweige denn unabhängig voneinander positioniert werden, wie dies bei einem herkömmlichen PC möglich ist. Der individuellen Anpassung des Arbeitsplatzes sind daher sehr enge Grenzen gesetzt.

Das hat Folgen! Welche genau, haben Mediziner und Ergonomen vom Department of Environmental Health, Harvard School of Public Health in Boston untersucht. Die Untersuchungen ergaben, dass lediglich eine steilwinklige Positionierung des Tablets  auf einer festen Unterlage in korrekter Arbeitshöhe eine annähernd normale Kopfhaltung erlaubt. In allen anderen, gerade auch in den für die Tablets beworbenen Situationen, ergibt sich keine Konstellation für ein die Muskulatur entspannendes Arbeiten. Insbesondere die Muskulatur des Nackenbereiches wird bei dem mobilen Einsatz eines Tablets über Gebühr belastet.

Folgt man der weiteren Argumentation der Wissenschaftler aus Boston ist daher bei der Verwendung von Tablets mehr als bei „Unterlage gestützten“ Computern mit Nacken- und Schulterschmerzen zu rechnen. Ergänzend muss erwähnt werden, dass chronische Nacken- und Schulterschmerzen wiederum die Ursache für anhaltende Verspannungen der Rückenmuskulatur sein können, die in unspezifische Rückenschmerzen münden.

Finger und Handgelenke
Vollständig ungeeignet ist die virtuelle Tastatur von Tablets für längere Schreibarbeiten. Schon nach einer Dreiviertelstunde Tipparbeit würden Nacken, Finger und Handgelenke schmerzen, klagen zu diesem Thema befragte Anwender. Das Tippen auf virtuellen Tastaturen ist ermüdend und spätestens nach einer Stunde sollte eine Pause eingelegt werden. Viele dieser Probleme verschwinden, wenn eine externe Tastatur angeschlossen wird. Doch das bedeutet eben auch mehr Gewicht und nimmt dem Tablet den Vorteil der beinahe uneingeschränkten Mobilität, beispielsweise bei Visiten.

Nicht orthopädisch, aber wichtig: Die Augen

Viele Hersteller von Tablets werben mit entspiegelten Displays. Auch wenn diesbezüglich durch die Verwendung neuer Technologien nicht unerhebliche Fortschritte gemacht wurden, ist das Ergebnis aus ergonomischer Sicht unbefriedigend. Benutzer sollten daher damit rechnen, dass schon nach kurzer  Benutzung eines Tablets zur Augenermüdung kommen kann. Ein Effekt, der durch die verwendete Hintergrundbeleuchtung noch einmal verstärkt wird.

Fazit
Langfristig ist eventuell damit zu rechnen, dass die Liste der „Computer assoziierten Diagnosen“ wie Maus Ellenbogen, Augenproblemen oder Kopfschmerzen um weitere Begriffe wie iNacken, Morbus Tablet oder Tablet-Rücken ergänzt wird.

Insgesamt darf die Situation aber sehr entspannt gesehen werden. Auch wenn die Zahl der verkauften Tablets stetig steigt, ist die dauerhafte Verwendung im beruflichen oder privaten Bereich noch eher die Ausnahme. Das Tablet ersetzt mehr den Schreib- oder Notizblock, die Akte mit den Unterlagen oder das mitgeführte Merkheft als den PC zur Dateneingabe, Dokumentenerstellung oder gar Bildbearbeitung.

Außerdem kann bei dem Gebrauch eines Tablets so leicht wie bei kaum einem anderen Gerät zwischen verschiedenen Haltungen gewechselt werden. Dynamisches Arbeiten als wirksame Prophylaxe bleibt daher jederzeit möglich. Weiterhin existieren mittlerweile viele Hilfsmittel wie externe Tastaturen oder andockbare Arbeitsstationen zur Verfügung, die ergonomisches Arbeiten erlauben und die Vorteile von Notebooks und Tablets vereinen.

Die Bedeutung von Tablets in der Medizin
Gut drei Millionen Geräte wurden mittlerweile in Deutschland verkauft, Tendenz steigend. In Kliniken und Praxen entdeckt man aber erst langsam den Nutzen mobiler Endgeräte. Nach einer aktuellen Umfrage besitzen 26 Prozent aller online-aktiven Ärzte in Europa ein iPad, in Deutschland 28 Prozent. Sie suchen damit vor allem nach Informationen und Fachartikeln im Internet oder nutzen es, um ihre Patienten zu informieren. In (wenigen) modernen Kliniken und Praxen haben Tablets die alte Patientenakte, das Kurvenblatt und die Karteikarte abgelöst. Sie ersparen dem visitierenden Arzt das langwierige Suchen nach Befunden, beschleunigen die Abrufbarkeit von Untersuchungsergebnissen und stellen neue Befunde, Strategien oder Erkenntnisse allen an der Behandlung und Pflege beteiligten Personen in Echtzeit zur Verfügung.

Quellen und Lesetipps

 



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